Sein mildes, fürsorgliches Lächeln ist allgegenwärtig. Die ganze Stadt liegt in Trümmern und ist nahezu unbewohnbar, aber Nasrallah scheint den Tag zu genießen. Mit seiner übergroßen, schwarz gerahmten Brille und seinem weisen Vollbart schaut er zufrieden von Plakaten, Aufklebern und Fahnen, die sich überall an Häusern, Autos und auf der Straße wieder finden. Die gelben Fahnen der Hisbollah trotzen dem Wind und der Zerstörung ringsherum. Ich bin in Aita al Chaab ganz im Süden des Libanons. Hier begann vor wenigen Wochen der Krieg. Hier entführten Kämpfer der Hisbollah zwei Soldaten der israelischen Armee und töteten drei weitere. Hier schlug Israel zuerst zurück. Ziel der Invasion war es nicht, sich einen Weg in den Libanon zu bahnen. Es sollte zu Beginn einer umfassend angelegten Militäraktion im Libanon jeder Zweifel ausgeräumt und keine Frage offen gelassen werden. Aita al Chaab, das ehemals 10.000 Einwohner beherbergte, ist nun still und ruhig. Eine dicke Staubschicht hat den Feigenbäumen jedes Grün geraubt. Die israelischen Grenzposten am Horizont kann man nun von fast jedem Teil der Stadt sehen. Die Häuser, die einst den Blick versperrten, gibt es nicht mehr. Vereinzelt stehen Menschen auf Trümmerhaufen. Es sind – nein, es waren – ihre Häuser. Es sind die Überreste dessen, was sie einst aufgebaut haben.
Inmitten dieser Szenerie stehe ich und schaue sprachlos um mich herum. Zwei Männer räumen unweit entfernt Schutt. Sie haben schon so viele Steinbrocken beiseite geschafft, dass ein Bett zum Vorschein kommt. Wirklich: Es ist das ehemalige Schlafzimmer des einen. In einer Schublade neben dem Bett müssen noch gestempelte Dokumente einer Behörde liegen. Die Dokumente sind ihm wichtig. Sie räumen noch einige Steine weg und halten plötzlich ungläubig guckend die Papiere in den Händen. Die Freude währt nicht lange. Zwei tote Schafe finden sich auch im Schlafzimmer wieder. Jetzt erklärt sich der penetrante süßliche Verwesungsgeruch, der die ganze Zeit die Arbeiten begleitet hat. Wie die Tiere hierher gekommen sind weiß niemand. Sichtlich unbeeindruckt schaufeln die beiden weiter und entfernen die Kadaver mit Spaten und Spitzhacke. Nebenan hält ein Junge lächelnd ein blaues Hemd in die Höhe. Es ist sein Hemd. Er hat es im ehemaligen zweiten Stock seines Hauses gefunden. Auch dieses Haus ist nun nicht viel mehr als ein einziger großer Schutthaufen. Stolz zieht er das Hemd an, es ist das Hemd der Jugendorganisation der Hisbollah.
Die zurück gekehrten Menschen fassen langsam wieder Mut und beginnen, ihre Habseligkeiten zwischen den Steinen zu suchen. Die Hisbollah hat vor dem drohenden Angriff gewarnt. Darum blieb es bei 20 Todesopfern in der Stadt. Unter ihnen neun Kämpfer von Nasrallahs Kampfgruppe. Mindestens hundert israelische Soldaten kamen allein in dieser Stadt ums Leben. Und das, obwohl Bodentruppen nur unterstützend aktiv waren. Der Großteil der Angriffswellen erfolgte aus der Ferne mittels Artillerie oder Luftwaffe. Der Unterschied ist leicht auszumachen: Sind die Etagen der Häuser zusammenklappt, haben Panzer schwere Granaten in die Gebäude gejagt und so die Stabilität erschüttert, dass das Haus in sich zusammenfiel. Dort wo die Luftwaffe Raketen hinschickte, ist kein Stein mehr größer als einen halben Meter. Dann ist nicht mehr zu erkennen, was einmal Dach, Fassade oder Decke war. Alles ist nur noch ein einziger großer, homogener Schutthaufen. Manchmal, wenn das Ziel nur ein kleines Haus war, sprengte die Rakete nicht nur das Haus in alle Himmelsrichtungen auseinander, sondern hinterließ auch noch einen mahnenden 4-10 Meter tiefen Krater in der Erde. Die Tabakfelder der Bauern sind gesät mit Granathülsen, nicht explodierten Raketen und anderen undefinierbaren Waffenteilen. An eine Bestellung der Felder ist sobald nicht zu denken. Zu groß das Risiko, Leib oder Leben zu gefährden. Patronenhülsen aller Kaliber werden von den Kindern der Stadt eifrig gesammelt und prahlend vorgezeigt. Die UNICEF hat auf den Etiketten ihrer Wasserspenden die verschiedenen Arten der Granaten und Raketen abgebildet. Als Warnung, um den Jüngsten die Gefährlichkeit zu verdeutlichen. Die Älteren sammeln keine Hülsen, sie sammeln Geschosse. Explodierte, die nun als Blumentopf ihren Zweck erfüllen oder auch Blindgänger, die nach festem Bekunden keinen Schaden mehr anrichten können. Aber es gibt auch Waffen, die niemand sammelt oder mitnimmt: Mörsergranaten, die sich beim Einschlag vollständig in den Asphalt gebohrt haben ohne zu detonieren. Oder Raketen mit einer Sprengstofflast, die keine drei erwachsenen Männer anheben könnten. Es ist schwer zu sagen, was einem am ehesten dieses flaue Gefühl beschert: Der Verwesungsgestank der toten Tiere, die unzähligen Blindgänger auf Schritt und Tritt oder einfach nur der feine Staub, der von jedem vorbei fahrenden Auto erneut aufgewirbelt wird.
Bei unserem Rundgang durch die frei geräumten Strassen werden wir immer wieder spontan von Einwohnern zu Tee und Kaffee, oder gar zum Abendbrot eingeladen. Einige von ihnen haben den Krieg hautnah erlebt und sind nicht vor den anrückenden Truppen geflüchtet. Sie zeigen uns Medikamentenüberreste und leere Thunfischbüchsen der Israelis, die diese im Haus zurück gelassen haben. Das ist für sie allemal spektakulärer als die klaffenden Löcher in Wänden und Decken. Denn diesen materiellen Schaden bezahlt die Hisbollah. Blutverschmierte Verbandmaterialien der Invasoren gelten jedoch als Triumph. Dafür danken sie Gott beim Gebet. Ein alter Mann erklärt uns, wie wichtig ihm das „tägliche Gespräch mit Gott“ ist. Er hat´s im Knie und kann deswegen nicht mehr in gewohnter Haltung sein Gebet sprechen. Dass er nun auf einem Stuhl sitzt, nimmt ihm jedoch in keiner Weise den Stolz, den er dabei empfindet, als er uns an seiner Zeremonie teilhaben lässt. Ist es doch dieses Gottvertrauen, dass ihn und seine Familie den Krieg hat überstehen lassen. Man kann den Eindruck gewinnen, als schaue er trotz seines Alters zuversichtlich in die Zukunft und dem nächsten Krieg entgegen. Angst hat er keine. Ob seine Frau und seine Töchter das ebenso sehen, finden wir leider nicht heraus. Sie kümmern sich in der Küche um das Abendessen, dass wenige Momente später liebevoll zubereitet herein getragen wird. Während des Essens verstummen die Gespräche über Gut und Böse, Recht und Unrecht kurzzeitig. Alle sind hungrig. Jeder genießt den Reis, das Fleisch, das Gemüse. Es wird still im Raum. Kauend schauen wir uns zufrieden an. Nur einer kaut nicht und wirkt trotzdem in sich ruhend ausgeglichen: Freundlich lächelnd und zuversichtlich blickt Nasrallah in die Ferne. Sein großes Bild hängt direkt über der Couch. Direkt neben der gelb-grünen Flagge der Hisbollah.