Es geht voran…

By beirut

Nun kann ich tief durchatmen: Der ganze finanzielle und planerische Aufwand meiner Reise war nicht umsonst. Über unzählige Umwege und natürlich auch Zufälle habe ich sehr gute Kontakte geknüpft und eine Menge interessanter Menschen kennen gelernt. Ein UN-Mitarbeiter, der das ABC des Nahen Ostens virtous rauf und runter beten kann, plant in sehr naher Zukunft Projekte im Süden, bei denen er mich gern einbinden würde. Ein wohlhabender Unternehmer aus der Metallbranche sicherte mir einen Job beim Wiederaufbau zu, sobald ich ihm meinem Lebenslauf zukommen lasse. Im Hostel habe ich Kontakt zu drei Libanesen geknüpft, die morgen in den Süden fahren wollen, um dort einen Film in der Gegend zu drehen, wo der Krieg mit der Entführung der zwei israelischen Soldaten begonnen hatte. Der eine von den dreien arbeitet, so wollte es wohl der Zufall, bereits für eine recht bekannte Hilfsorganisation. Ich werde die Gelegenheit nutzen und mitfahren. Mit dem Bus geht´s bis Tyre. Ab dort holt uns jemand mit dem Auto ab. An neuen Eindrücken und vor allem Fotos wird es dann wohl keinen Mangel geben. Ich bin, obwohl ich schon sehr viel gesehen habe, über alle Maßen gespannt, welches Bild sich dort bietet.

Heute fuhr ich mit dem Bus nach Byblos, 35 km nördlich von Beirut gelegen. Bekannt ist dieser Ort für die Überreste einer freigelegten Siedlung, die teilweise bis zu 5000 Jahre alt ist. Aber es gibt dort auch einen malerischen alten Fischerhafen. Der Ort befindet sich nur unweit der Ölraffinerie, die vor einigen Wochen von den Israelis zerbombt wurde. Die Folgen der Ölpest gingen durch die Weltpresse. Schockierend war es aber zu sehen, wie ölverklebt der Hafen noch ist. Unmittelbar nach dem Bombardement lag der Ölteppich flächendeckend 35 cm dick im Hafen und dem Meer. Heute reinigen Männer in weißen Schutzanzügen und Hochdruckreiniger die Steine vom schwarzen Öl. Obwohl es ein herrlicher Tag mit Sonnenschein und 32 Grad im Schatten war, hatten weder Restaurants noch Souvenirshops Kundschaft. Ich meine nicht, dass es weniger Touristen gab als sonst. Es gab gar keine Touristen. Die Eigentümer der Geschäfte und Gastronomie, die sonst tausende Besucher aus aller Welt am Tag versorgen, dösen nun im Schatten, trinken Raki pur und warten vergebens auf zahlende Reisende. Besonders melancholisch wirkt es, wenn niemand seinen Laden einfach für ein paar Tage schließt und Urlaub macht. Stattdessen mutet es unwirklich an: Das Orchester hat die Instrumente gestimmt, der Dirigent betritt die Bühne, aber die Ränge sind komplett leer. Ein Kellner erzählt mir, dass selbst Zahlungen mit der Visa-Card nicht mehr möglich sind, da die Amerikaner die Datenleitung für die Zahlungsvorgänge bereitstellen und nun kurzerhand den Betrieb eingestellt haben. Was bleibt ist das Zischen der Hochdruckreiniger im Hafen, die mühsam versuchen, das schmierige Öl von der Postkartenidylle zu lösen.

Eine Antwort zu „Es geht voran…“

  1. „Machen sie doch was für die Hisbollah!“ « Schluss … mit allem ! sagt:

    [...] Ein Ort, wo ich ganz bestimmt nicht sein möchte, ist derzeit der Libanon. Offensichtlich sehen das mutigere Menschen ganz anders und fahren auch hin. Dort schreiben sie dann ein Blog, das sich wirklich gut und spannend liesst. Das passende Fotobuch gibt es auf flickr.   [...]

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