„Machen sie doch was für die Hisbollah!“

By beirut

So prachtvoll und edel kann Beirut sein: Richtung Berge schlängelt sich die Straße aus den verstaubten Betonschluchten Beiruts heraus. Die Straße wird steiler und kurviger, die Häuser werden flacher. Bald lösen Creme-Farben und schicke Vorgärten das Grau in allen Schattierungen und baumlose Straßen ab. Endlich wieder tief durchatmen, ohne die in Beirut sonst allgegenwärtige Benzin-Staub-Hitze-Mischung zu inhalieren. Hier riecht es tatsächlich nach Meer, obwohl der Hafen so weit weg ist, wie sonst nirgends in Beirut. Grillen zirpen im Schatten, während die Bäume in der Mittagssonne mit sattem Grün protzen. Die fast endlose Serpentinenfahrt führt an immer nobleren Häusern vorbei. Und je beneidenswerter die Häuser werden, desto höher recken sich die Zäune davor in die Höhe. Fußgänger sieht man hier keine mehr: Entweder sitzen diese in ihren Anwesen hinter getöntem Glas oder in ihren teuren westeuropäischen Autos, ebenfalls hinter getöntem Glas. Beirut liegt nun unten im Tal. Einen schönen Blick auf die ganze Stadt hat man von hier. Und da, wo es kaum noch höher geht, taucht sie plötzlich auf: Die deutsche Botschaft. Weit weg vom ganzen Trubel der Stadt, ohne Lärm, Abgase und Getümmel. Hier lässt sich entspannt Deutschland repräsentieren, ganz ohne Stress. Ich bin hierher gekommen um heraus zu finden, wo man meine Hilfe im Land benötigt, welche Organisationen tätig sind und welche Ansprechpartner es dort gibt. Ich warte in der Sicherheitsschleuse neben der Schranke. Drei libanesische Soldaten spielen gelangweilt an ihren Gewehren. Ab und zu piept der Metalldetektor unmotiviert. Einer der Soldaten legt sein Spielzeug weg und greift für mich zum Telefonhörer. Gleich kommt jemand von der Botschaft und kümmert sich um mich. Prima! Deswegen bin ich hier. Eine freundliche Mine in weißem Hemd und dunkler Stoffhose kommt schnurstracks auf mich zu. Er reicht mir die Hand, lächelt und erkundigt sich nach meinem Anliegen. In fünf Sätzen – der gute Mann hat offensichtlich wenig Zeit – erkläre ich ihm meinen Plan. „Hmmm, nicht so einfach.“, meint er und sagt, dass gerade zwei Mitarbeiter außer Haus seien und er nicht so richtig weiß, wie er mir helfen kann. Vielleicht einen anderen Kollegen holen oder mich auf einen Kaffee herein bitten? Ach was, ich bekomme einen Zettel mit der Adresse des Orient-Instituts und den Hinweis, dass dort bestimmt jemand einen Rat für mich hat. Er eilt davon, steigt in ein Auto und braust davon. Ich stecke den Zettel ein, gucke unzufrieden und steige in „mein“ Taxi, das zwischenzeitlich auf mich gewartet hat. Zerknirscht lasse ich mich ins Tal fahren und entlohne meinen Fahrer mit 30 Dollar. Teurer Ausflug – denke ich mir. Aber von nichts kommt bekanntlich nichts.

              

Heute Morgen ordne ich meine Kontaktliste mit Anlaufstellen und mache mich auf den Weg. Natürlich zu Fuß. Das Taxi ist zwar bezahlbar, die Chance, an einem falschen Ort rausgeworfen zu werden aber allgegenwärtig. Irgendwo in Downtown ist das Orient-Institut, zu dem mich der freundliche Mann von der Botschaft geschickt hat. Dort wird mir bestimmt geholfen. Eine gute Stunde kreise ich in dem Viertel. Jeder gut gemeinte Ratschlag, meinem Ziel näher zu kommen, führt mich in eine andere Richtung. Nach dem Ausschlussverfahren gehe ich dort hin, wo ich noch nicht war und komme dem Institut näher. Plötzlich stehe ich vor einem hohen Eisentor. Über die Videoanlage erbitte ich Einlass – schließlich schickt mich die deutsche Botschaft höchst persönlich. Elektrisch schiebt sich das Tor auf und ich laufe fast Gefahr, mich auf dem großen Anwesen zu verlaufen. Die Chefin ist die einzige im ganzen Haus, ihre Mitarbeiter dürfen vor dem Ende der israelischen See- und Luftraumsperre nicht zurück. Mein Engagement findet sie toll. Leider gehört außer wissenschaftlicher Arbeit und zahlreichen Konferenzen nicht viel mehr zum Aufgabengebiet des Instituts. Hilfslieferungen? Wiederaufbau? Fehlanzeige. Nach kurzem Smalltalk verabschiede ich mich freundlich und denke wohlwollend an die deutsche Botschaft zurück. Lohnt sich jetzt ein Gang quer durch die Stadt zum Goethe-Institut?

Die Mittagshitze hat ihren Höhepunkt erreicht – meine Motivation ihren Tiefpunkt. Immerhin gibt es dort Deutschkurse und eine Bibliothek. Ob man mir dort helfen kann? Nach langem Marsch und erneutem Kreisen erreiche ich mein Ziel. „Von 13 bis 15 Uhr Mittagspause“, lässt mich das Schild am Tor wissen. Es ist kurz vor zwei. Ich setze mich in den Schatten und entspanne etwas bei Trubel, Gehupe und Abgaswolken. Kurz nach drei bin ich mir sicher, dass es Goethe hier auch gefallen hätte: Kühl, sauber und ruhig präsentiert sich das Institut. An einer halboffenen Tür klopfe ich an. Freundlich werde ich hereingebeten. Diesmal ist die Lage entspannter als in der Botschaft und so nehme ich mir 10-15 Sätze Zeit um zu sagen, was ich will. Bevor ich weiß, wie mir geschieht, grübeln drei Goethe-Kollegen gemeinsam, welche Hilfsorganisationen ihnen einfallen. Während zwei von ihnen immer wieder mal deutsche mal arabische Namen laut denken, greift der dritte zum Telefonhörer und wählt sich durch sein Verzeichnis. „Machen sie doch was für die Hisbollah!“, meint die eine Kollegin zuversichtlich und ich erkenne nicht den geringsten Anflug von Ironie in ihrem Vorschlag. Ich bekomme gute Telefonnummern, die Adresse der Hariri-Foundation und einen Termin: Morgen früh um acht holt mich die Leiterin einer Hilfsorganisation persönlich am Institut ab. Sie ist nicht nur beim Bürgerkrieg an vorderster Hilfsfront gewesen, sondern auch die Ehefrau eines ehemaligen libanesischen Ministers. Beschwingt trete ich meinen langen Heimweg an, gönne mir zwei frisch gepresste Orangensaft und pfeife ein Lied auf die deutsche Botschaft, die sich weit da oben auf dem Berg zu verstecken scheint.

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