…hoere ich immer wieder, als ich die ersten Stunden in Beirut bin. Irgendwie scheinen alle zu ahnen, dass ich gerade erst angekommen bin. Aber die Ereignisse der Reihe nach:
Eine Schonzeit konnte ich in Damaskus nicht erwarten. Nach einem sehr beschaulichen Sonntag in Budapest, der sich ähnlich wie die Donau gemütlich dahinschlängelte ohne auch nur einen Grund zur Aufregung zu liefern, flog ich nachts Richtung Damaskus weiter. Das Taxi warf mich am offiziellen Busterminal raus und mit dem Öffnen der Beifahrertür stürzte das Damaszener Kuddelmuddel über mich hinein. Ein Duzend konkurrierender Fahrer überschlug sich gleichzeitig, mein Fahrziel zu erfragen. Als herauskam, dass ich nach Beirut muss, setzte ein aggressives Werben ein. Es war wohl wie auf dem Schulhof früher: Geht´s heiß her, gewinnt der starke Dicke, der allein wegen seiner Luft verdrängenden Statur die Oberhand behält und den Gewinn einfährt. Auch ich konnte mich ihm und seiner verbindlichen Art nicht entziehen und so war das Spiel zu seinen Gunsten entschieden. Die anderen Fahrer fauchten und keiften zwar noch einige Male arabische Flüche aus sicherer Entfernung. Den Pokal streitig machen wollte ihm aber offensichtlich keiner ernsthaft. So gesehen ist es einfacher, kurz nach dem Krieg von Damaskus nach Beirut zu kommen, als am Flughafen Tegel einen Fahrschein zum Bahnhof Zoo zu erwerben. Viel teurer aber auch nicht – denn die Fahrt im Achtzylinder-Dodge kostet gerade mal 15 Euro. Aber den Wagen teilt man sich auch mit Fünf Gleichgesinnten, die zuvor ähnlich chaotisch zu ihrem Taxi-Ticket gekommen waren. Schnaufend drängt sich der Dicke hinters Steuer, blubbernd setzt sich der schwere Dodge in Bewegung. Durch das nächtliche Damaskus geht es stadtauswärts in die Dunkelheit dem Gebirge entgegen. Es wird kühler. Der Kofferraumdeckel steht offen. Allein ein Gummiseil sorgt dafür, dass das Gepäck kein Eigenleben entwickelt. Dafür ziehen die Verdauungsgase des alten, schweren Amis durch den Kofferraum und die Rückenlehne ins Wageninnere. Also gut: Fenster auf und lieber frieren als Abgase einatmen. Die anderen Fahrgäste stimmen mir zu.
Als die Morgendämmerung langsam einsetzt, erreichen wir den ersten von insgesamt vier bis sechs Stopps innerhalb der Grenzanlage zum Libanon. Der Kontrollstreifen zieht sich über fast 10 km hin es wird nie ganz klar, wer einen gerade befragt, Papiere sehen will, zum Halten auffordert oder einfach nur mit dem geschulterten Gewehr durchwinkt. Ein schwarzer, uralter Mercedes steht am Rand des Bergpasses und am Kotflügel lehnen Gestalten mit verschränkten Armen. Man bemerke: Es ist Montag früh um kurz vor sechs im Niemandsland zwischen Syrien und Libanon. Die Aufschrift „Geheimdienst“ auf dem Wagen hätte wohl zur gleichen Erkenntnis geführt wie diese Aufführung. Wir passieren das letzte Grenztor, befinden und plötzlich auf libanesischem Boden und der Gedanke an die dunklen Gestalten wird jäh unterbrochen: Rechts am Straßenrand liegt, wie ein zusammengekauertes, erfrorenes großes Tier ein LKW auf der Seite. In sich verdreht, verbogen und skelettiert ist dort zum Erliegen gekommen, was wohl auch zum Opfer fiel, als der riesige Krater direkt daneben entstanden ist. Den Bombentrichter im Asphalt hat man auf die Schnelle mit Geröll und Kies gefüllt, der ausgebrannte LKW riecht noch immer nach verbranntem Gummi. Die Fahrt geht weiter. Immer wieder überfahren wir 20 Meter Schotter auf der sonst einwandfrei asphaltieren Straße. Da es links und rechts entweder steil bergauf oder tief hinab geht, reichte in der Tat eine israelische Rakete, um diesen Pass unbrauchbar zu machen. Auch kleine und große Brücken fielen dieser Logik zum Opfer. Aber wir kommen Beirut näher.
Von oben schweift der Blick über die riesige unten am Meer liegende Metropole. Langsam krauchen wir im morgendlichen Stau die endlosen Serpentinen hinunter. Nur wenige Autos haben hier einen Katalysator, die LKWs stoßen brüllend Dieselfahnen aus, die so rußig und schwer sind, dass sie sofort zu Boden sinken. Beirut ist laut und stinkt. Zumindest im Berufsverkehr in den Betonschluchten gibt es daran keinen Zweifel. Wir rollen in den Bus-Terminal ein, der Dodge bremst ein letztes Mal, spuckt uns aus und ich stehe völlig übernächtigt in 33 Grad heißen Abgasschwaden. Jetzt noch das Hostel finden, das sich in Gehweite befindet und alles wird gut. Ich finde das Hostel, lasse einen Schwung Luft ins muffige Zimmer, falle ins Bett und schlafe ein. Wirklich – jetzt ist alles gut. Nach drei Stunden weckt mich der rostige, laute Kühlschrank. Ich suche – noch etwas schlaftrunken – den Stecker, um dieses röchelnde Etwas abzuschalten.
Den Nachmittag verbringe ich mit einem libanesischen Freund, der mich in seinem Auto mitnimmt. Zusammen fahren wir in südliche gelegene Bezirke Beiruts. Nach 10 Minuten Fahrt klotzen uns die hohlen Fenster der Ruinen an. Ganze Viertel sind nicht viel mehr, als riesige Schutthaufen oder eben unwirklich erscheinende Überreste von Fassaden. Gespenstisch gucken fingerdicke Stahlstreben aus den zusammengefallenen Betonteilen der ehemaligen Wohnhäuser. Hier und da graben Bagger inmitten dieser Betonbrockenwüste, während drum herum das Leben pulsiert. Hier wurden keine Wohnhäuser beschossen, hier haben Raketen ganze Häuserketten krümelig gesprengt. Alles, was noch annähernd an Häuser erinnert, ist wohl nichts weiter als ein Kollateralschaden. Autos oder deren Überreste liegen willkürlich verstreut in der Gegend umher. Was für mich das bizarre Schauspiel in einem die Hisbollah sympathisierenden Beiruter Bezirk ist, ist für die Einwohner die Zerstörung ihrer Heimat.