Warum macht der das?

By beirut

Der Libanon – unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2006. Dies sind die Abenteuer von Robert, der mit einem Rucksack, vielen Ideen und genauso viel Neugier unterwegs ist, um neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen… Nun ja, die theatralische Anlehnung an eine bekannte TV-Serie ist vielleicht etwas zu weit hergeholt. Apropos „weit“: Weit weg ist das ja schon – der Libanon. Wo liegt das doch gleich noch mal? Krieg herrscht dort. Nein, Krieg herrschte. Wiedermal herrschte Krieg. Aber hat es uns tangiert? Wenn uns Dinge nur berühren wenn sie uns geografisch nah sind, dann lag der Libanon bis vor kurzem jeden Abend exakt um 20 Uhr zwischen Annaberg-Buchholz und der ersten Tanke auf der tschechischen Seite: Deutsche auf der Flucht vor Bomben! Raus, einfach nur raus! Nein, nicht 1944 sondern kurz nach der FIFA-WM 2006. Schwarz-Rot-Gold wurde wieder geschwenkt. Diesmal aber nicht wegen einem Tor, sondern wegen einem Treffer. Die Fahnen vor der deutschen Vertretung in Beirut riefen: Wer Deutscher ist, steigt sofort in diesen Bus ein verlässt das Land. Aber der Bus inmitten der hitzigen Menschenmenge ist nicht der Mannschaftsbus der deutschen Elf, sondern vielleicht die letzte Möglichkeit dem Chaos zu entkommen. Also, schnell weg, sonst könne man für nichts mehr garantieren. Für gar nichts mehr. Schon wieder kracht es in der Nähe. Die Einschläge kommen näher. Hier pfeift kein Schiri, hier pfeifen die Katjuschas.

Die Kanzlerin ordnet ihr Haar und ist besorgt aber gleichzeitig kühl in Anbetracht der historischen Treue. Und ihr Stellvertreter? Er ist ebenfalls besorgt aber gleichzeitig emotional ergriffen in Anbetracht des menschlichen Leides. Ein deutscher Spagat auf höchster Ebene. Was einem so nahe geht, kann nicht weit weg sein. Wirklich? Pünktlich um 20.16 Uhr – das Volk zappt auf andere TV-Kanäle – ist der Libanon plötzlich nur noch ein Teil der Landmasse irgendwo im Dunst des Nebels am Horizont weit hinter Konstantinopel. Irgendwo dahinten muss es doch liegen. Da war doch was. Richtig. „Aber die brauchen doch diesen ewigen Konflikt. Die können gar nicht anders!“, schallt es aus den Hälsen, deren Köpfe – nur eine Etage höher – kaum treffsicher zuordnen können, ob nun Amman schon zur Achse des Bösen gehört oder ob Saddam Hussein nicht heimlich chemische Waffen an die Hisbollah nach Syrien geliefert hat. Oder war das Syrien, dessen Apparat heimlich konventionelle Waffen an die Hisbollah im Libanon schmuggelte? Zum Glück ist dieses ganze Wirrwarr ganz weit weg. Schade, zu früh gefreut: Deutsche Soldaten gehen eher binnen Tagen als binnen Wochen in den Nahen Osten, meint der Verteidigungschef und fügt sicherheitshalber hinzu: Es ist ein Kampfeinsatz. Hoppla.

Mit einem Rucksack, vielen Ideen und genauso viel Neugier reise ich nun in wenigen Tagen dorthin, wo es weh tut. „Warum macht der das?“, höre ich einige fragen. Ganz einfach: Ich will die exakte Entfernung ausmessen und Welten betreten, die ich nie zuvor betreten habe. Nicht zuletzt werde ich meine Kontakte ausbauen und versuchen mich bei einer der vielen NGO´s oder Hilfsorganisationen zu engagieren. Denn bei der Wahl, ob ich mich nach dem Studium auf meinem Weg zur Arbeit lieber drei Mal in der Woche im Verkehrsstau oder auf einem fremden Flughafen wiederfinden will, fällt mir die Antwort alles andere als schwer. Auch die Betriebskantine, die obligatorische Grünpflanze im Büro und das launische „Moin“ auf dem Firmenflur tausche ich nur zu gern gegen Pita + Falafil auf dem Basar, Duft von Kerosin + Gewürzen und ein herzliches „Salam alaikum“.

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